Niklas B.
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Für alle, die nicht viel lesen wollen, hier die Kurz-Version unserer Rezension vom SchwarzGold:
Ruhrpott trifft Fine Dining: laut, herzlich, ein bisschen verrückt und dabei kulinarisch auf allerhöchstem Niveau. Von Currywurst, über Maggi-Ei bis hin zu Rehrücken mit Mantı und Börek: jedes Gericht hat Herz, Witz und Präzision. Das Ambiente? Dunkel, filmisch, mit goldenen Lichtinseln und Musik, die man tatsächlich gern hört. Und das Team? Locker, herzlich, extrem aufmerksam. Hier fühlt man sich sofort wohl.
Für alle anderen, hier die Lang-Version:
Wir sind zu viert aus Köln angereist. Schon die letzten 300 Meter zur Kokerei Hansa sind ein Prolog: rostige Rohre, riesige Kühltürme, alte Backsteinbauten. Wir betreten zuerst den „ButterRaum“: Café, Bistro, Bar. Beton, Risse, verblasste Wände: ein Ort, der nicht glattgebügelt sein will, und sofort Neugier weckt. Kurze Zeit später werden wir eine Treppe runter gebeten.
Hinter goldenen Ketten öffnet sich der Speiseraum: dunkel, sinnlich, fast filmisch. Die Tische leuchten wie goldene Inseln im Schatten, dazu Musik, die perfekt passt: Springsteen, M.C. Hammer. Kein klassisches Sternerestaurant, sondern ein Ort, an dem man sofort gern bleibt.
„Straight outta Ruhrpott“ nennt Küchenchef Pierre Beckerling sein Menü. Passend dazu der erste Gruß: Dortmunder Currywurst als vegetarische Praline, dazu SchwarzGold-Hanuta und Mini-Sauerbraten mit Rotkohl und Aal. Ein Highlight: „Bratkartoffeln mit Ketsup“, eine Hommage an einen Gag aus der Sitcom King of Queens: erst Ketsup vom Deckel lecken, dann salzige Bratkartoffelbrühe genießen. Pure Nostalgie auf höchstem Niveau. Es ist ein Moment, der Humor und Technik vereint und zeigt, dass Beckerling Geschichten auf den Teller bringt.
Der erste Gang: Hamachi aus Zeeland mit Kürbis und Physalis, stickstoffgekühlte Kügelchen. Showeffekt trifft Geschmack. Vegetarisch: Kohlrabi, Alge, Jalapeño – so frisch, dass man fragt, ob Gemüse besser schmecken kann.
Dann das „Magie-Ei“: Topinambur in allen Texturen, Onsen-Ei mit Spinat, Liebstöckel, knuspriger Hühnerhaut, optional Kaviar, dazu selbstgemachtes Maggi-Gewürz. Verrückt, vertraut, genial.
Es folgt Nduja als Béchamelsauce, Kartoffel-Mille-feuille, Cassoulet aus weißen Bohnen und fermentiertem Fenchel à la Sauerkraut. Der saure Fenchelsaft landet in der Soße. Zero Waste ohne erhobenen Zeigefinger.
Vegetarischer Hauptgang: Çiğ Köfte mit Bulgur, Paprika-Chutney, Harissa, Linsensuppe. Fleisch: Rehrücken mit Feta-Tomaten-Kruste, Aubergine, Merguez, Mantı-Füllung, Crunch aus Börek. Man merkt: Jeder Gang überrascht, erzählt Geschichten, verbindet Tradition mit moderner Technik.
Das Dessert war ein kleines Kunstwerk: nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich. Weißes Schokoladenmousse, trifft auf Gurken-Variationen und die Gewürz- und Heilpflanze Ysop. Auf dem Nebenteller: ein kleiner Windbeutel auf einem weiteren Teller, gefüllt mit karamellisierter weißer Schokolade und den gleichen Aromen in anderer Form.
Zum Schluss der „Candyshop Kiosk“: Marshmallows aus einem Greifarm-Automaten, Cakepops, Madeleines, Pralinen. Sterneküche mit Humor, Charme und einer Portion Kindheit. Alles serviert mit einer Mischung aus Präzision und Verspieltheit, die man sonst selten erlebt.
Was diesen Abend besonders macht, ist das Team. Es wird geduzt, aber nie anbiedernd. Und dann ist da Pierre Beckerling, der kulinarische Kopf: präsent, aber unprätentiös. Er ist zwar oft am Tisch, trägt Tabletts mit den neuen Gängen zum Tisch. Aber reden lässt er sein Team.
Und dann ist da Sommelier Sebastian Sareika, der selbst die Rotwein-Skeptikerin unter uns mit Geduld, Charme und vier Probier-Schlucken überzeugen konnte. Chapeau!
Fazit: SchwarzGold spielt nicht Fine Dining im Pott – es ist Pott. Ehrlich, klug, mit Witz und Geschmack. Große Küche ohne Allüren, serviert mit echtem Herzblut. Wir kommen wieder, keine Frage.